(Weser Kurier Kommentar 24.Mai 2016)

Alles belastet mich. Ich kann nicht mehr. Ich weiß oft nicht weiter. Ich habe eine Depression. Ich höre Stimmen. Solche Art von Gefühlen und Gedanken kennen viele Menschen, jeden Tag. Offener darüber zu sprechen ist heute glücklicherweise kein Tabu mehr. Immer noch scheuen sich aber viele, genau dies zu tun, sich frühzeitig Hilfe und Unterstützung zu holen. Nach der Selbsttötung des Nationaltorwarts Robert Enke ist eine gesellschaftliche Debatte über vorzeitige und notwendige Unterstützung für Menschen mit einer psychischen Erkrankung in Gang gekommen. Auch berichten Krankenkassen über eine Zunahme psychischer Erkrankungen. Die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen nehmen stetig zu. Eine offene gesellschaftliche Debatte um notwendige präventive Vorsorge und akute komplexe Begleitung ist notwendig. Es gilt auch über strukturelle Rahmenbedingungen zu ringen, diese gegebenenfalls neu zu ordnen.

 

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Helmut ThiedeHelmut Thiede
(Markus Peters, Helmut Thiede)
 

Vorrangig muss Hilfe und Begleitung dort organisiert sein, wo die betreffenden Menschen leben. Sie muss niedrigschwellig und für alle Menschen offen sein. Es darf keine Rolle spielen, wo und wie jemand versichert ist, welcher Kostenträger zuständig ist. Hilfe muss individuell für den einzelnen Menschen bedarfsgerecht und im Lebensumfeld organisiert möglich sein. Immer noch ist psychiatrische Versorgung zu stark am Krankenhausbett orientiert. Institutionen streiten um ihren Einfluss. Der betroffene Mensch hat das Nachsehen. Bereits 1975 hat eine Kommission – im Auftrag des Bundestages – Empfehlungen zu einem Umbau des psychiatrischen Versorgungssystems abgegeben. Einiges wurde umgesetzt. Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen werden nicht mehr weggesperrt. Sie leben heute betreut in den Stadtteilen. Ein wesentliches Ziel aber, eine bedarfsgerechte, regionale, vorwiegend ambulante psychiatrische Versorgungsstruktur bereitzustellen, ist nicht umgesetzt worden. Es gilt eine Struktur zu entwickeln, die es Menschen mit psychischen Erkrankungen ermöglicht, in ihrem angestammten sozialen Umfeld leben bleiben zu können, ohne stigmatisiert und ausgrenzt zu werden. Dieser Weg ist bislang nicht konsequent beschritten worden.

Die Gesundheitsdeputation und die Senatorin für Gesundheit in Bremen haben erkannt, dass Handlungsbedarf besteht. In Arbeitsgruppen und Veranstaltungen (Psychiatrie 2.0) unter Einbezug von Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen, Vertretern psychiatrischer Einrichtungen, Politik und Kostenträgern soll der „Umbau" in einem Konsensprozess einfließen.Ambulant vor stationär gilt es nun endlich umzusetzen.

Unser Gastautor ist Geschäftsführer der Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste. Diese wurde 2001 als gemeinnützige Gesellschaft gegründet und versorgt mittlerweile bis zu 730 Patientinnen und Patienten ambulant.

Aus dem Weser-Kurier - 24.05.2016